Was ist Hochsensibilität?

Hochsensibilität ist eine charakterliche Veranlagung und keine Krankheit.  Die amerikanische Psychologin Elaine Aron hat den Begriff „Highly sensitive Person“, dt. hochsensible Person (HSP), im Jahr 1997 geprägt.

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Auch wenn sich im deutschen Sprachraum das Wort „Hochsensibilität“ eingebürgert hat, entspricht es nicht vollständig dem englischen Gegenstück „highly sensitive“.

Dem Wort „sensibel“ hängt überdies in der deutschen Sprache oft auch die Bedeutung von schwach oder labil an.  Jedoch sind hochsensible Menschen mentale Spitzensportler. Wenn sie ihre Gabe und Potential erschlossen haben und auf ihre Weise ausdrücken, können sie ganz und gar außergewöhnliche Dinge leisten.

Überdies verbergen sich wahrscheinlich hinter vielen Künstlern, Musikern, Schriftstellern, Weisheitslehrern und Wissenschaftlern hochsensible Persönlichkeiten.

Elaine Aron wählte den englischen Titel „Sensory prozessing sensitivity and its relation to introversion and emotionality“ für ihre Publikation. Entsprechend hat das Wort „sensitive“  in ihrem Kontext ungefähr die Bedeutung von empfindlich, empfänglich und einfühlig.

Vier Hauptmerkmale der Hochsensibilität.

Elaine Aron hat die vier Hauptmerkmale mit der Abkürzung DOES zusammengefasst:

  • D – Depth of processing – Tiefe Verarbeitung
  • O – Overstimulation – Überstimulation
  • E – Emotional Reactivity / Empathy
  • S – Sensing of Subtle

Hochsensible Menschen haben eine tiefergehende Verarbeitung der einströmenden Reize und Informationen. Daneben verfügen sie oft über eine ausgeprägte Intuition.

Situation mit vielen Reizen und Informationen können eine Überstimulation verursachen.

Hochsensible Menschen haben tiefe Emotionen und eine ausgeprägte Empathie.

Zuletzt haben sie eine sehr intensive, feinfühlige und empfindsame Wahrnehmung und können Details besser wahrnehmen.

Was kann uns die Wissenschaft über Hochsensibilität sagen?

Die Forschungen von Bianca Acevedo et al zeigen, dass bei hochsensiblen Menschen ein Hirnareal namens Insula stärker aktiv ist. Die Insula  integriert die Wahrnehmung innerer Zustände und Emotionen, die Körperposition und äußeres Geschehen. Sie wird auch Sitz des Bewusstseins genannt.

Die sogenannten Spiegelneuronen sind eine Gruppe von Nervenzellen im Gehirn von Primaten. Die Spiegelneuronen zeigen beim Beobachten der Handlungen einer anderen Person die gleichen Aktivierungsmuster wie bei der eigenen Ausführung der Handlung. Den Spiegelneuronen wird eine wichtige Rolle in Hinblick auf Empathie, Imitation und Lernen zugeschrieben. In einer Studie von Bianca Acevedo et al wurden den Probanden Fotos von Menschen gezeigt, die unterschiedliche Emotionen, Freude, Trauer oder neutrale Gefühle, ausdrücken. Hochsensible Personen zeigten eine erhöhte Aktivierung der Insula und ebenso der Spiegelneuronen, speziell bei der Betrachtung von glücklichen Gesichtern. Bei unglücklichen Gesichtern zeigte sich bei hochsensiblen Menschen neben der Aktivität der Spiegelneuronen eine noch stärkere Aktivität in anderen Gebieten des Gehirns, welche den Schluss zulässt das hochsensiblen Personen handeln wollen. Die auf Empathie bezogene Hirnaktivität ist bei hochsensiblen Menschen generell höher als bei normal sensiblen Menschen, wenn ihnen Bilder von starken Emotionen gezeigt werden.

Ungefähr 15 – 20 Prozent der Bevölkerung sind unabhängig von Geschlecht und Kultur hochsensibel. Im Tierreich wurde bei vielen Tierarten ebenfalls diese Verteilung nachgewiesen. Hochsensibilität ist scheinbar eine evolutionär entwickelte Überlebensstrategie.

Es gibt eine erbliche Komponente, d.h. bei hochsensiblen Menschen ist oft auch mindestens ein Elternteil hochsensibel.

Ungefähr 70 Prozent der hochsensiblen Menschen sind introvertiert.

Die individuelle Ausprägung der Hochsensibilität ist jedoch sehr unterschiedlich.

Was macht hochsensible Menschen aus?

Wie sieht die Wahrnehmung aus? Wie sieht die Gefühlswelt aus?

Wahrnehmung

Hochsensible Menschen haben eine intensive, scharfe und differenzierte Sinneswahrnehmung und eine verstärkte Wahrnehmung von Details und Feinheiten. Des weiteren verfügen sie über eine tiefgehende Informationsverarbeitung und ausgeprägte Intuition. Zudem integrieren sie Informationen ganzheitlich im Kontext ihrer eigenen Lebenserfahrungen, ihrer direkten Umwelt aber auch dem großen Ganzen der Gruppe und der Welt. Aufgrund dieser Wahrnehmungsfähigkeiten sind hochsensible Menschen anfällig für Überstimulation. Dabei kann Überstimulation beispielsweise ausgelöst werden durch:

  • Sehr laute Geräusche
  • Soziale Situationen mit vielen Menschen und hoher Lautstärke (Diskothek, Feier)
  • Einkaufscenter oder Einkaufen in einer vollen Innenstadt
  • Neue Orte / Reisen mit vielen neue Eindrücken

Demzufolge besteht oft ein Wunsch nach Rückzug und Ruhe, um Erfahrungen und Wahrnehmungen zu verarbeiten.

Körperwelten

Folglich besteht ein Risiko für psychosomatische Erkrankungen bis hin zum Burn-Out bei chronischen Stress und dauerhafter Überstimulation, beispielsweise durch eine destruktive familiäre Situation oder einen nicht auf die eigenen Bedürfnisse abgestimmten Arbeitsplatz. Der Körper reagiert mit Nahrungsunverträglichkeiten und Allergien. Koffein und Alkohol wirken stärker als bei normal sensiblen Menschen. Körperliche Bedürfnisse wie Hunger oder Müdigkeit werden verstärkt wahrgenommen und können die Stimmung und das Befinden beeinflussen.

Sinnlichkeit und Kunst

Aufgrund der tiefen Sinneswahrnehmung werden hochsensible Menschen durch Naturerleben und Kunst oft stark berührt. Deshalb sind hochsensible Menschen oft sehr kreativ und phantasievoll.  Diese künstlicherische Ader findet überdies Ausdruck in Kunst, Literatur, Musik, Tanz und Theater. Zudem besitzen sie ein Gespür für Ästhetik.

Gefühlswelt

Eine weitere Eigenschaft hochsensibler Menschen ist eine intensive und vielschichtige Gefühlswelt. Zudem verfügen  sie über eine starke Empathie,  ein gutes Einfühlungsvermögen,  eine hohe soziale Kompetenz und Hilfsbereitschaft. Infolgedessen sind sie in ihrem Freundeskreis als gute Zuhörer geschätzt und üben oft soziale Berufe wie auch Heilberufe aus. Dabei  sind HSPs tiefsinnig mit einer Neigung zum Grübel .

Mitwelt

Ihre Empathie bezieht sich nicht nur auf Menschen, sondern aus die ganze Mitwelt. Demzufolge engagieren sie sich oft in sozialen Projekten und für den Umwelt- und Tierschutz. Sie besitzen einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit und haben einen Wunsch nach Verbesserung für die Gruppe und die Welt in sich. Sie gehen weniger aber tiefere und intensivere soziale Beziehungen ein. Ein Lernfeld ist der Wunsch nach Harmonie, der sich auch als Harmoniesucht und Konfliktscheue zeigen kann.

Arbeitswelt

Aufgrund ihres Blicks fürs Details sind hochsensiblen Menschen oft sehr gründlich und gewissenhaft mit einem Hang zum Perfektionismus. Infolge ihres ganzheitlichen Wahrnehmens und Denkens sind sie gut im Planen und dem Abschätzen von Risiken. Beim Arbeiten können sie sich in eine Aufgabe vertiefen und Flow Momente erleben. Hier ist es wichtig, die Balance zwischen Aktivität und Regeneration zu finden.

Spiritualität

Abschließend gilt es noch sagen, dass hochsensible Menschen einen Hang zur Sinnsuche und zur Spiritualität haben. Yoga und Meditation untersützen ihre natürliche Achtsamkeit und Bewusstheit. Neben den sieben Sinnen verfügen einige HSPs über einen Zugang zu anderen Wahrnehmungskanälen.

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